Wie ein Etikett mein Leben veränderte

Die meiste Zeit meines Lebens war ich recht depressiv, habe mich für viele meiner Eigenarten geschämt und sie unterdrückt. Ich hatte immer das Gefühl, nirgends so richtig rein zu passen, habe mich immer als Außenseiter gefühlt, der immer nur anderen nacheifert. Doch dann fand ich – ganz zufällig – endlich ein Wort, das sehr gut zu mir passt. Und damit sollte sich alles ändern.

Eigentlich könnte das Leben so einfach sein. Man ist einfach man selbst, gibt nix auf die Meinung anderer, sondern steht einfach zu dem, was man ist und was man mag. Doch so einfach ist das leider nicht. Wir alle wurden und werden durch unsere Umwelt geprägt. Wir wollen dazugehören und von anderen Menschen gemocht werden. Wir haben unser Bild von uns selbst. Denken, wir wüssten, wer wir sind. Doch eigentlich sind wir auch oft so, wie wir denken, dass wir sein müssten. Und wenn wir Merkmale in uns entdecken, die wir nicht mögen oder die nicht mit unserem Selbstbild zusammenpassen, verdrängen wir diese – oft völlig unbewusst und ohne es selbst zu merken.

Mein altes Ich

Es ist erst ein paar Jahre her, dass ich mich mehr verbogen habe, als mir bewusst war. Ich war immer eher schüchtern, in mich gekehrt, habe wenig gelacht. Starke Gefühle – ob Lachen oder Weinen – konnte ich kaum öffentlich zeigen. Lästern, andere abwerten, über die Welt und das System schimpfen, das ging.

Tatsächlich habe ich früher wirklich viele schöne Gefühle unterdrückt. Ich war oft schwermütig, melancholisch, ängstlich, schambehaftet. „Realistisch“ nannte ich es damals. Heute weiß ich, dass das nur ein anderer Ausdruck für Pessimismus ist.

Seit meiner frühen Jugend leide ich an Depressionen. Selbsthass, Scham, Angst und Traurigkeit sind wohl die Gefühle, die ich am besten kenne. Ich habe meine Zuflucht in der Schwarzen Szene gefunden. Doch es gab immer dieses Fünkchen Rosa in mir. Von Dingen wie Hello Kitty und Kuscheltieren konnte ich eben doch nie so ganz ablassen, und rosa Schleifen passen auch gut zu Schwarz.

Ich habe mir oft eingeredet, ich müsse doch endlich erwachsen werden. Ich dürfe zwar Niedliches mögen, aber doch nicht so übertrieben. Ich dürfe albern sein, aber bitte nicht zu sehr. Selbstverständlich müsse ich als erwachsene Frau auch stark, selbstbewusst und absolut selbstständig sein. Übertriebene Emotionen gehören sich nicht. Und überhaupt gibt es in der Welt auch nicht viel zu lachen, weil Menschen schlecht seien. Liebe und Mitgefühl sei albern oder ein Zeichen von Schwäche, Lästereien und Hass seien cool. – Mir wird ganz anders, wenn ich so zurückblicke und das niederschreibe.

Zum Glück hat sich mein Leben inzwischen gewandelt. Und das nur, weil ich endlich ein Wort gefunden habe, das mich beschreibt. Eine Schublade, ich die ich wirklich rein passe. Und damit auch eine Community, in der ich mich wohl fühle. Das Gefühl, ich selbst zu sein. Mich so zu sehen, wie es andere vermutlich auch tun. Und vor allem: Liebe für mich selbst empfinden. Doch es war ein langer Weg, bis ich an diesen Punkt kam.

Zugang zu meinem wahren Selbst

Durch meinen damaligen Partner (er wurde später mein erster Daddy) habe ich gelernt, das Kindliche in mir mehr anzunehmen. Durch ihn öffnete sich in mir ein verschlossenes Türchen. Was dahinter verschlossen lag, konnte ich aber erst nur erahnen – raus wollte es noch nicht.

All das sollte sich ändern, als ich auf die Begriffe CGL, DDLG und Little stieß. Als ich Beschreibungen dazu las, traf es mich plötzlich wie ein Schlag, weil ich mich darin selbst total wiederfand. Plötzlich machte irgendwie alles Sinn. Ich war nicht alleine mit meinen Eigenarten, und es gab sogar Männer, die das nicht nur tolerieren, sondern gezielt wollten.

Es hat noch eine Weile gedauert, aber nach und nach löste sich meine Scham für meine kindliche Seite. Mithilfe besagten Partners, konnte ich immer mehr der Mensch werden, der ich eigentlich bin. Er liebte meine Kindlichkeit und förderte sie dadurch. Vor ihm kam ich mir damit weniger blöd vor. Und so kam ganz langsam, Stückchen für Stückchen, immer mehr davon zum Vorschein.

Meine Kleidung wurde farbenfroher, meine Haare leuchtend pink, mein Plüschtier-Berg immer größer. Ich selbst wurde fröhlicher, ausgelassener, offener. Ich lief barfuß über Wiesen und durch Pfützen, wurde mutiger, nicht selten auch frecher (meinem Daddy gegenüber). Plötzlich war es für mich OK, vor Freude zu quietschen, mein Plüschtier überall hin mit zu nehmen oder auch Daddy um Hilfe zu bitten, wenn mir die Erwachsenen-Welt zu viel wurde.

Durch meine Little-Seite habe ich gelernt, fröhlich zu sein, zu lachen, Spaß zu haben, Leichtigkeit zu spüren. Ich merke, dass meine Fröhlichkeit untrennbar mit meiner Little-Seite verbunden ist. Wenn ich glücklich bin, neugierig und offen, bin ich meist auch ein wenig in meinem Little Space. Ich fühle mich kindlich und sehr verbunden mit mir selbst.

Mein neues Ich

Inzwischen habe ich fast alle schwarzen Klamotten aus meinem Kleiderschrank entfernt. Dass ich kindliche Dinge mag, weiß jeder in meinem Umfeld, ohne dass ich es laut ausgesprochen habe. Menschen geben mir den Spitznamen „Einhorn“, obwohl ich mich in der Hinsicht eigentlich versuche, zurückzuhalten. Der Großteil meines Freundes- und Bekanntenkreises besteht aus Littles und Daddys.

Aber auch psychisch geht es mir wesentlich besser. Ich kann wieder viel mehr die schönen Seiten im Leben sehen. Ich bin endlich fähig, das Leben zu genießen. Und zwar auf eine Art und Weise, die mir vorher gänzlich unbekannt war. Ich liebe es, Liebe für meine Mitmenschen zu empfinden, warmherzig zu sein, mitfühlend, verständnisvoll. Erst durch das Wort „Little“ habe ich den Teil in mir entdeckt, der mich ausmacht. Erst durch dieses Etikett konnte ich mich trauen, ich selbst zu sein.

Sicher gibt es auch heute noch schwermütige Phasen und auch meine Depressionen suchen mich immer wieder mal heim. Aber ich fühle mich heute nicht mehr so verloren. Ich hülle mich in eine Kuscheldecke, wärme mein Herz mit warmem Kaba und drück ein Stoffi an mich, das mich tröstet. Das ist unglaublich heilend.

Trotz allem arbeite ich weiterhin noch stetig an mir. Lerne immer mehr, mich anzunehmen, wie ich eben bin. Heute weiß ich, dass ich nicht immer „erwachsen“ sein muss. Ich muss auch nicht immer stark und selbstbewusst sein. Ich bin „weich“, empfindsam und gutherzig. Und das ist OK. Ich mag diesen Teil nicht mehr verdrängen oder vor anderen Menschen verstecken. Ich darf kindliche Dinge mögen. Ich darf lachen und ich darf weinen. Ich darf mit meinem Plüschtier im Arm auf Daddys Schoß liegen und mir aus einem Kinderbuch vorlesen lassen. Für manche Menschen mag das albern sein. Für mich fühlt es sich inzwischen total normal an – auf eine sehr schöne, erfüllende Art und Weise. Dieses Gefühl gebe ich nicht mehr her.

2 Kommentare zu „Wie ein Etikett mein Leben veränderte

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