Wie viel Abgrenzung ist sinnvoll?

Wer sich ein wenig mit dem Little-Thema auseinander setzt, stößt schnell auf verschiedene Begriffe. Viele dieser Bezeichnungen grenzen sich sehr voneinander ab, andere sind mehr als Erweiterung zu verstehen. Es ist nützlich, unterschiedliche Wörter für unterschiedliche Dinge zu haben. Doch eine zu rigorose Unterscheidung führt auch zu Ablehnung und Vorurteilen.

Als ich damals herausgefunden habe, dass ich ein Little bin, war das erste passende Wort dazu „DDLG“: DaddyDom und LittleGirl, kurz darauf auch „CGL“: Caregiver/Little als geschlechtsneutrale Bezeichnung. Doch es dauerte nicht lange, da kamen immer mehr Begriffe auf. Es wurden Unterschiede diskutiert und das eine Wort vom anderen abgegrenzt. Allerdings werden diese Begriffe von jedem Menschen ein wenig anders definiert, vieles überschneidet sich, die Grenzen sind äußerst fließend.

Ein Eindruck des Chaos

Um dir einen Eindruck zu geben, worauf ich hinaus möchte, gebe ich mal eine kleine „Einführung“ in verschiedene Begriffe. Wenn du viele davon nicht kennst oder diesem Abschnitt nicht folgen kannst, ist das völlig in Ordnung. Dann überspring diesen Absatz einfach und lese bei der nächsten Überschrift weiter. 🙂

Viele Littles grenzen sich vom Ageplay ab, da sie ja nicht spielen, sondern eben so sind. Fragt man einen Ageplayer, sagt er allerdings ebenfalls, dass er im Ageplay einfach er selbst ist.

DDLG (DaddyDom/LittleGirl) steht oft in Verbindung mit BDSM, doch nicht jeder möchte es zum BDSM zählen. Für die einen beschreibt es eine Beziehungsdynamik, für andere einen Lifestyle und für wieder andere ist es ein Rollenspiel.

Da das Wort DDLG sehr geschlechtsspezifisch ist, müssen natürlich auch andere Begriffe wie MommyDom und LittleBoy her sowie alle damit einhergehenden Konstellationen: MDLB, DDLB und MDLG. Geschlechtsneutral sagt man einfach CGL, (Caregiver/Little) wobei ein Caregiver nicht dominant sein muss.

Wer zwar einen Daddy, aber keinen Dom möchte, greift wahlweise zu Bezeichnungen wie DXLG und co.

Oft steht DDLG im Zusammenhang mit dem Daddykink. Doch DDLG ist extremer, sagen manche. Es gibt mehr BDSM – oder weniger, je nach Definition. Und für viele ist es einfach etwas komplett anderes.

Und wer sichergehen will, dass im Little-Kontext nichts Sexuelles oder BDSM-lastiges passiert, der geht zu CGLRe (Caregiver/LittleRegressor) oder AgeRe (AgeRegression). Denn da wird erst recht „nicht gespielt“, sondern man „fühlt sich wirklich wie ein Kind“.

Von AdultBabys (Erwachsene, die sich wie Babys fühlen), TeenBabys (Jugendliche, die sich wie Babys fühlen), BabyGirls und BabyBoys, Middles (Erwachsene, die sich wie Jugendliche fühlen) und Lolitas (sexuell orientierte Middles) ganz zu schweigen.

Warte, was?

Was bedeuten die Begriffe noch gleich? Wo sind jetzt genau die Unterschiede? Und wo gehöre ich eigentlich hin?

Wenn du jetzt den Überblick verloren hast und absolut verwirrt bist, kann ich dich beruhigen: Du musst die Unterschiede hier nicht verstehen. Im Gegenteil: Genau das ist das Problem, um das es hier gehen soll.

Sicher gibt es Unterschiede – und jemand, der sich umfassend mit diesen Begriffen beschäftigt hat, kann sie auch voneinander abgrenzen. Aber gerade am Anfang hat man von den meisten Begriffen noch überhaupt nie etwas gehört.

Wieso so viele Begriffe?

Das Thema Little und alles, was damit zusammenhängt, ist wahnsinnig komplex. Jeder lebt seine kindliche Seite ein wenig anders aus. Die einen packen es tatsächlich in ein Rollenspiel, weil sie ihre kindlichen Gefühle nicht mit ihrer erwachsenen Seite in Einklang bringen können. Andere sehen sich einfach als erwachsenen Menschen mit kindlichen Anteilen. Die einen leben das immer und nur in Verbindung mit Sex und BDSM aus, für andere ist Sex in kindlichen Momenten ein Tabu. Die meisten leben irgendwo zwischen den Extremen.

Leider gibt es in vielen Köpfen auch diverse Vorurteile, wie ein Little oder ein Caregiver, ein Daddy, eine Mommy zu sein hat. Ist man kein echter Caregiver, wenn man sexuelle Fantasien mit seinem Little hat? Ist man kein richtiges Little, wenn man Schnuller und Windeln für sich ablehnt? Und gehört man überhaupt dazu, wenn man keine ominöse Kleine in sich hat, sondern einfach so ist? Oder ist es vielmehr so, dass man nur dann ein wahres Little ist, wenn man immer so ist? Die Antwort ist: Littles sind so individuell, wie die Menschen selbst. Jeder lebt es auf seine Weise aus.

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Verschiedene Begriffe können daher helfen, Missverständnissen vorzubeugen. Jemand, der darauf steht, den Partner „Daddy“ zu nennen und von ihm übers Knie gelegt zu werden, ist vermutlich im Daddykink nicht so verkehrt. Wer dagegen schlimme Erlebnisse durchgemacht hat und das Kindliche dazu nutzt, eine Auszeit von allen schlechten Gefühlen zu haben ist – neben einer Therapie! – im AgeRe gut aufgehoben.

Kritik an den vielen Begriffen

Doch, wie bereits geschrieben, sind diese ganzen Begriffe gerade für Neulinge absolut undurchsichtig und überfordernd. Auch wenn man sich intensiver mit dem Thema beschäftigt, ergeben die Abgrenzungen oft weniger Sinn, als man zunächst meinen könnte.

Innerhalb einer Community – egal ob Daddykink, DDLG, AgeRe oder sonst wo – gibt es nämlich trotz allem sehr unterschiedliche Menschen. Fragen wie das gefühlte Alter, ob man Sex im Little Space mag oder nicht, ob man das kindliche auch im Alltag raus lässt oder ob man auf BDSM steht, beantwortet keiner dieser Begriffe komplett.

Doch wenn es so viele unterschiedliche Begriffe gibt, muss es doch einen Unterschied geben! So liest man im DDLG oft, dass die Littles ihr gefühltes Alter nicht spielen, sondern eben so sind – und grenzen sich mit diesen Worten vom Ageplay ab. Doch nachdem ich mit einigen Ageplayern geredet habe, konnte ich keinen wesentlichen Unterschied finden. Der Hang zum Kindlichen und die Gefühlswelt, die damit einhergeht, ist meiner Beobachtung nach meistens genau gleich. Abgrenzungen basieren oft auf Vorurteilen und mangelndem Verständnis. Gefühlt reden die DDLG- und die Ageplay-Community auch viel zu wenig miteinander, um da ein wenig Klarheit zu schaffen.

Je mehr man versucht, Begriffe voneinander zu unterscheiden, desto enger werden die jeweiligen Definitionen. Da kommt es dann zu Aussagen wie „Du bist mehr Caregiver als Daddy, weil…“ – obwohl derjenige das Wort „Daddy“ für sich einfach mag und vielleicht auch Daddy und Caregiver als Synonyme sieht. Oder Diskussion darüber, ab welchem gefühlten Alter man sich noch als „Little“ bezeichnen darf und wann man schon ein „Middle“ ist.

Langfristig führen so viele verschiedene Begriffe nur dazu, dass man sich noch mehr auf die Unterschiede konzentriert, noch mehr voneinander abgrenzt und so noch weiter voneinander entfernt.

Besonders stark ist die Abgrenzung im AgeRe, das den Kontakt zu allen Anhängern von DDLG, Ageplay und anderen Communities meidet. Diskussionen scheinen kaum möglich und ein Austausch findet daher nur sehr bedingt statt.

Wo soll das hinführen?

Die Abgrenzungen werden mit der Zeit immer klarer, aber dadurch auch stärker. Begriffe werden enger definiert, Vorurteile verhärten sich. Man redet nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander. Begriffe werden mit der Zeit noch detaillierter, jeder möchte von einem einzigen Wort genau beschrieben werden. Mehr Begriffe und mehr Abgrenzung fördern Angst, das Gefühl nicht verstanden zu werden, Vorurteile und Intoleranz.

Viele Littles, mit denen ich gesprochen habe, und ich selbst sehen den größten und wichtigsten Unterschied vor allem darin, ob jemand ein sexuelles oder ein non-sexuelles Little ist. Wobei viele Littles es mal so und dann mal so mögen.

Am Ende sehe ich alles mehr als eine Art Spektrum an. Natürlich gibt es Unterschiede und die darf es auch geben. Jeder Mensch ist einzigartig, mit seinen individuellen Gefühlen und Bedürfnissen. Doch die Grenzen sind äußerst fließend – selbst der Übergang zu „normal“ ist sehr unscharf. Dann ist das eine eben „Grün“ und das andere „Blau“, doch wo fängt das eine an und hört das andere auf? Und ob ein Türkis nun mehr das eine oder das andere ist, hängt auch sehr davon ab, wie es der Betrachter wahrnimmt.

Macht es denn nicht mehr Sinn, wieder mehr aufeinander zuzugehen und die eigene Schublade etwas zu vergrößern? Ich würde mich freuen, wenn sich Littles untereinander weniger ankeifen und abgrenzen, sondern wieder mehr Gemeinsamkeiten entdecken und damit auch mehr Verständnis für unterschiedliche Gefühlswelten und Lebensweisen schaffen. 💖

4 Kommentare zu „Wie viel Abgrenzung ist sinnvoll?

  1. Hi Chichibi und Benny, so geht’s mir auch – die Begriffe sind ganz schön viele und kaum hat man einen neuen gelesen, lernt man, dass es Übergänge und Ausnahmen gibt. Danke jedenfalls für den Überblick, langsam steige ich schon besser durch!

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  2. Huii, danke fürs schnelle Antworten 😀 Bin schon im (von diesem Thread velrinkten) Artikel gewesen und, ich bin fleißig am „wandern“, jetzt grade gucke ich mir dieses AgeRegression an 😀 Was das denn ist 🙂
    KuMu habe ich auch schon auf, mein browser ist grade… mit 7-10 tabs offen^^… habe da einiges abzuklappern.

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  3. Hallo Benny!

    Oh, hihi, ja, das ist vielleicht nicht der beste Artikel, um in das Thema frisch einzusteigen. Schau dir lieber erst mal die älteren Beiträge an. Meinen Blog gibt es seit einem guten Jahr – so übermäßig viel ist das also noch nicht 🙂

    Wenn du dich mit Gleichgesinnten austauschen magst, schau doch mal bei http://www.kuddelmuddel.me vorbei. Was du von dir preisgeben möchtest und wie du dich vorstellen magst, bleibt natürlich grundsätzlich immer dir überlassen :3

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  4. Uiii…. was ein Einstieg, mein erster Artikel hier den ich lese und…. JA ich bin…. etwas überfordert, WO sehe ich mich nun, wie steige ich in die Community ein? Muss ich wie ein Schwuler sagen „Hi ich bin 30, Schwul, …“ oder so?….
    Ganz schön, erschlagend dieser ganze Input.
    Ich hoffe hier noch viel zu erfahren, ich werde deinen Blog in mich aufsaugen und (bestimmt) überall druffige Kommentare hinterlassen, ich hoffe du freust dich 😀

    Gefällt 1 Person

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